Versorgungsmedizinische Grundsätze

GdB-Tabelle nach der Versorgungsmedizin-Verordnung (VersMedV)


Versorgungsmedizinische Grundsätze GdB-Tabelle

3.6 Schizophrene und affektive Psychosen

Amtlicher Text
Amtlicher Text

Teil B Nr. 3.6 VMG – Schizophrene und affektive Psychosen

Wortlaut der Anlage zu § 2 VersMedV, Teil B Nr. 3.6 (GdS-Tabelle).

Langdauernde (über ein halbes Jahr anhaltende) Psychose im floriden Stadium je nach Einbuße beruflicher und sozialer Anpassungsmöglichkeiten
50–100

Schizophrener Residualzustand (z. B. Konzentrationsstörung, Kontaktschwäche, Vitalitätseinbuße, affektive Nivellierung) mit geringen und einzelnen Restsymptomen

ohne soziale Anpassungsschwierigkeiten
10–20
mit leichten sozialen Anpassungsschwierigkeiten
30–40
mit mittelgradigen sozialen Anpassungsschwierigkeiten
50–70
mit schweren sozialen Anpassungsschwierigkeiten
80–100

Affektive Psychose mit relativ kurz andauernden, aber häufig wiederkehrenden Phasen

bei 1 bis 2 Phasen im Jahr von mehrwöchiger Dauer je nach Art und Ausprägung
30–50
bei häufigeren Phasen von mehrwöchiger Dauer
60–100

Nach dem Abklingen lang dauernder psychotischer Episoden ist eine Heilungsbewährung von zwei Jahren abzuwarten.

GdS während dieser Zeit, wenn bereits mehrere manische oder manische und depressive Phasen vorangegangen sind
50
sonst
30

Eine Heilungsbewährung braucht nicht abgewartet zu werden, wenn eine monopolar verlaufene depressive Phase vorgelegen hat, die als erste Krankheitsphase oder erst mehr als zehn Jahre nach einer früheren Krankheitsphase aufgetreten ist.

Versorgungsmedizinische Grundsätze Kommentar – Rechtsanwalt Reinhold Dotterweich, Fachanwalt für Arbeits- und Sozialrecht
Kommentar

Ab hier beginnt die redaktionelle Kommentierung. Erläuterungen, Rechtsprechungsauswertungen, Praxishinweise und Einordnungen sind nicht Bestandteil des amtlichen Textes.

Bewertungssystem

Nr. 3.6 ist von Nr. 3.7 sauber abzugrenzen. Besonders wichtig ist die Frage, ob tatsächlich psychotische Symptomatik bzw. ein schizophrenes Residual oder eine affektive Psychose im Sinne der VMG nachgewiesen ist. Eine bloße Diagnosebezeichnung genügt nicht.

KonstellationOrientierung nach VMG
langdauernde floride Psychose50–100, abhängig vom Verlust beruflicher und sozialer Anpassungsfähigkeit
schizophrener Residualzustand ohne soziale Anpassungsschwierigkeiten10–20
leichte soziale Anpassungsschwierigkeiten30–40
mittlere soziale Anpassungsschwierigkeiten50–70
schwere soziale Anpassungsschwierigkeiten80–100

Kernentscheidungen

DatumGericht / AktenzeichenBedeutung
13.02.2025LSG Baden-Württemberg – L 6 SB 1545/23Paranoide Schizophrenie nicht im Vollbeweis; Diagnoseetikett allein genügt nicht. Selbst bei unterstelltem Residual begrenzte hohe Alltagsfunktionalität die Bewertung.
17.06.2020LSG Baden-Württemberg – L 3 SB 13/20Verfahrens-/Zurückverweisungsentscheidung; keine eigenständige materielle Leitentscheidung zu Nr. 3.6.
24.10.2018LSG Baden-Württemberg – L 3 SB 5/17Vor allem Gesamt-GdB-Dogmatik; keine zentrale 3.6-Leitentscheidung.
07.12.2017LSG Baden-Württemberg – L 6 SB 4936/15Nr. 3.6 ist bei Gesundheitsstörungen ohne psychotische Symptome nicht eröffnet; bei längerem schwankendem Verlauf ist ein Durchschnittswert maßgeblich.
22.06.2015BSG – B 9 SB 72/14 BNichtzulassungsbeschluss; keine materielle Bestätigung der Vorinstanz.
02.07.2014LSG Nordrhein-Westfalen – L 10 SB 127/12Bipolar-affektive Erkrankung; hilfsweise Prüfung nach Nr. 3.6, aber keine tragende Gegenentscheidung zur späteren Linie L 6 SB 4936/15.
28.07.2011Bayerisches LSG – L 15 SB 24/07Dysthymie/seelische Störung; eher Vergleich zu Nr. 3.7 und negative Indizien gegen höhere Bewertung.
Redaktioneller Hinweis: B 9 SB 72/14 B wird nicht als „vom BSG bestätigte“ materielle 3.6-Rechtsprechung bezeichnet.

Praktische Prüffelder

Zu dokumentieren sind insbesondere psychotische Positivsymptome, Residualsymptome, Dauer und Häufigkeit der Phasen, Remissionen, stationäre Behandlungen, berufliche Einbindung, Tagesstruktur, soziale Beziehungen, Hilfebedarf und das Funktionsniveau zwischen den Episoden.